Was erklärt der Begriff >Waidgerecht<?

Bedenklichkeiten

Der so beschriebene funktionale Zusammenhang der Waidgerechtigkeit, enthält ein Kriterium zur Beurteilung von jagdlichen Handlungen. Dieses Kriterium ist die Angemessenheit. Ein Katalog der >landläufig< als waidgerecht bezeichneten Eigenschaften bzw. Verhalten enthält jedoch dem gegenüber einige Bedenklichkeiten, ihre Angemessenheit ist zweifelhaft. Unstrittig gehören alle handwerklich sauber durchführten Arbeiten zur Waidgerechtigkeit. Sei es z.B. das Führen eines brauchbaren Hundes, die Einhaltung der Jagdzeiten, das richtige Ansprechen, der saubere Schuss, das ordentliche Versorgen der erlegten Stücke, aber auch die Beherrschung der Waidmannssprache usw.

Darüber hinaus gibt es im üblichen Sprachgebrauch auch so genannte waidgerechte Handlungen, die keinen Praxisbezug mehr aufweisen und somit funktional hinfällig sind. Dazu gehören weite Teile des jagdlichen Brauchtums z.B. das Jagdhornblasen, die Brüche. Deren Sinnhaftigkeit ist größtenteils verloren gegangen. Man mag dies bedauern und durch die Pflege der Bräuche ihr Drohendes vergessen, entgegenwirken wollen. Aber mit der eigentlichen Jagdausübung haben sie nichts mehr zu tun.

Dagegen stehen aber auch Handlungen, die in einem funktionalen Sinne der Waidgerechtigkeit sogar widersprechen. So ist es z. B. funktional (d.h. zweckdienlich) nicht zu erklären und widerspricht darüber hinaus auch tierschutzrechtlichen Überlegungen, dass der Hase nicht in der Sasse und Flugwild nur in der Luft geschossen werden darf. Diese Praktiken lassen sich bestenfalls unter einem sportlichen Aspekt rechtfertigen.

Ein waidgerechtes Streckelegen entspricht nicht der Tradition aber der Hygienevorschriften

Ein waidgerechtes Streckelegen entspricht nicht der Tradition aber der Hygienevorschriften

Das Streckelegen nach Gesellschaftsjagden ist auch mit Bedenklichkeiten verbunden. Aus wildprethygienischen Gesichtspunkt ist es nicht sehr dienlich, wenn erlegtes Wild nicht schnellstmöglich (unter Umgehung lieb gewonnener Geselligkeit) gekühlt wird. Zum Glück wird die romantisierte Praktik des Streckelegens von einigen Jagdleitern nicht mehr durchgeführt und dennoch kommt bei diesen Jagden, entgegen allen Befürchtungen, die Geselligkeit nicht zu kurz.

Wenn >Waidgerechtigkeit< als sittlicher Begriff verstanden wird, als Bollwerk gegen den vermeintlich drohenden Verlust der Traditionen und der jagdlichen Kultur, dann ist die Frage zu stellen, auf welche Traditionen sich berufen wird und welche Form der Jagdkultur noch sinnvoll verwendet werden kann.

Traditionen und Jagdkultur sind entstanden aus sinnvoller Übung. Sollten neue Erkenntnisse und/oder veränderte Bedingungen deren Sinnhaftigkeit widerlegen, ist es anzuraten Änderungen in der Ausübung vorzunehmen und keine sinnentleerten, musealen Handlungen als >gerecht< zu verkaufen und somit >Waidgerechtigkeit< zur Phrase verkommen zu lassen. Gedankenloses Traditionsbewusstsein, unaufgeklärter Traditionalismus hat nichts mit Waidgerechtigkeit zu tun, sondern bestenfalls mit Bequemlichkeit und schlimmstenfalls mit Ignoranz.

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