Was erklärt der Begriff >Waidgerecht<?

Vielleicht rührt daher auch das Unbehagen einiger Jäger, das sie mit dem Begriff verspüren. Und in den deutschsprachigen Jägerkreisen ist es beinahe die Gretchenfrage geworden: „Wie hältst Du es mit der Waidgerechtigkeit?“ Sie wird somit zur Gesinnungsfrage hochstilisiert. Deutlich wird diese Tendenz durch folgendes Zitat: „Einen Verstoß gegen die Waidgerechtigkeit stellt auch die oberflächliche Vorbereitung der Jungjäger auf die Jägerprüfung und die laxe Handhabung der Prüfung durch den Prüfungsausschuß dar. Wer die Jägerprüfung nur als Formsache ansieht, versündigt sich am jagdlichen Nachwuchs. Das Bestehen der Prüfung muß vom Vorhandensein einer echten inneren Veranlagung und einem wirklichen jagdlichen Wissen abhängig gemacht werden. Das gute Beispiel der alten erfahrenen Jäger muß Vorbild und Erziehungsmittel für den Nachwuchs bleiben.“ (Quelle: Richard Blase: Die Jägerprüfung, 22. Aufl. 1982, S. 270) Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Lehr- und Erbauungsliteratur.

Aber auch die Kommentierung und die Rechtssprechung im Jagdrecht betont den „sittlichen Gehalt“ der Weidgerechtigkeit. Nur was ist dieser sittliche Gehalt der Waidgerechtigkeit? Die nachfolgende Betrachtung will keine Definition liefern, sondern eher eine Richtung, eine Deutungsrichtung aufweisen, in der jene Begrifflichkeiten, wenn auch keinen abschließenden Sinn, so doch einen Bedeutungshorizont, vermuten lassen. Dazu werden in einem ersten Schritt die sprachliche Unklarheit des Begriffs und seine Verwendung herausgearbeitet und in einem zweiten Schritt die praktischen Schlüsse exemplarisch gezogen.

Gerecht / Gerechtigkeit

Gerecht und Gerechtigkeit wird heute meist verstanden als rechtlicher, somit verkürzt als ethischer Begriff und als die Summe der institutionalisierten Regeln. Dies würde einen jedoch bei der Klärung von waidgerecht / Waidgerechtigkeit nicht weiterhelfen und sogar in die Irre führen. Denn so verstandene Gerechtigkeit ist nur ein zwischenmenschliches Problem. Eine so aufgefasste Waidgerechtigkeit könnte nur zwischen Jägern stattfinden. Wobei dieses Motiv, das anständige Verhalten zu anderen Jägern, zur landläufigen Meinung der Waidgerechtigkeit gehört.

Hilfreicher erscheint da die Beachtung der ältesten Verwendungen des Begriffes „recht“. „Recht“ entstammt der indogermanischen Wurzel „reg“ deren Bedeutung >geziemt, richtig, ordentlich machen< war. In der Formulierung „rechtschaffen“ oder in der Redewendung „mehr schlecht als recht“ klingt dieses alte Verständnis noch an.

>Gerecht< wäre demnach der richtige Umgang mit Sachen, die Beherrschung einer Kunst, eine Kunstfertigkeit, überhaupt eine Tätigkeit richtig ausführen können, einer Herausforderung gerecht werden.

>Gerecht< ist kein Ausweis eines ethischen Pflichtgebot, sondern orientiert sich an Handlungszwecke und somit in erster Linie nicht an sittlichen Normen, sondern an Sachzwängen und der ihnen zugrunde liegenden funktionalen Zusammenhänge. Seine Verwendung findet im vor- und außersittlichen Bereich statt.

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