Was erklärt der Begriff >Waidgerecht<?

von Volker Seifert

>Waidgerecht< oder >Waidgerechtigkeit< sind vielstrapazierte und wie ich meine sogar überstrapazierte Begriffe. Nicht nur Jäger, auch Juristen verwenden diese Begriffe und das verwundert umso mehr, da man von letzteren einen genauen Umgang mit der Sprache gewohnt ist. In §1 Abs. 3 BJG heißt es: “Bei der Ausübung der Jagd sind die allgemein anerkannten Grundsätze deutscher Weidgerechtigkeit zu beachten.“ Hier findet sich jedoch keine inhaltliche Bestimmung des Begriffes, er bleibt gleichsam nebulös und das in zweifacher Hinsicht: neben dem Fehlen einer abschließenden oder auch nur exemplarischen Aufzählung seiner Inhalte, finden wir nicht einmal eine formale Bestimmung. >Waidgerechtigkeit< erscheint somit als leerer Begriff, dem keine konkreten Inhalte oder Kriterien für seine Bestimmung bzw. für die Normfindung zu entnehmen sind. Nur welchen Sinn hat die Verwendung von Begrifflichkeiten deren Bedeutung unbestimmt ist?

Die unklare und somit offene Begrifflichkeit lädt dazu ein, mit unterschiedlichsten Inhalten versehen zu werden. Und schaut man sich die entsprechende Literatur an, wird dies auch zur Genüge getan. Oftmals wird eine ethische Haltung – vorzugsweise eine „ritterliche“ – bei der Jagdausübung proklamiert; auf die Tradition verwiesen – und um dies noch zu bekräftigen, wird noch eine jahrhundertealte Tradition betont – das Wohl des Wildes und die Zukunft des Waidwerks werden auch sehr gerne genommen; die Pflege des Brauchtums; die Beachtung der rechtlichen Bestimmungen; es werden sogar theologische, quasi-religiöse Momente in der Waidgerechtigkeit diagnostiziert.

Aus all diesen Formulierungen, Spekulationen und Interpretationen – und die Aufzählung ist beliebig zu erweitern -, die sich aus den unterschiedlichsten Quellen, Motiven und Zwecken speisen, wird der Begriff keineswegs deutlicher. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass der Begriff mit Bedeutungen überfrachtet wird, die seine Tragfähigkeit übersteigen.

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