Von Naturentfremdung, Bären und Wölfen

Von Volker Seifert

Die Deutsche Wildtier Stiftung hat bei EMNID eine Umfrage in Auftrag gegeben, um das Naturerlebnis von Kindern zu ermitteln. Das nun vorliegende Ergebnis bestätigt einen seit Jahrzehnten anhaltenden Trend, bei dem Kinder und Jugendliche immer weniger Gelegenheiten haben die Natur kennen zu lernen und zu erfahren.

So gaben 49 % der befragten 4-12 jährigen an noch nie selbständig auf einen Baum geklettert zu sein und 53 % der befragten Eltern würden ihrem 10jährigen Kind verbieten zusammen mit einem Freund im Wald spielen zu gehen. Da dieses Phänomen seit den 1970er Jahren beobachtet wird ist auch ein weiteres Ergebnis der Umfrage nicht verwunderlich. Je jünger die Eltern sind, desto ängstlicher sind sie! So sagten 58 Prozent der über 50jährigen: „Ja, mein Kind ist ohne Hilfe auf einen Baum hochgeklettert!“ Aber nur 33 Prozent der unter 29jährigen Eltern beantworten diese Frage mit „ja“.

Das elementare Wissen über Wildtiere und Pflanzen vor unserer Haustür schwindet rasant“, sagt der Geschäftsführer des Forum Bildung Natur der Deutschen Wildtier Stiftung, Michael Miersch.

Die Bemühungen der LJV-Einrichtungen „Rollende Waldschule“, die Kindergarten- und Schulkindern rudimentäres Naturwissen vermittelt, die neue Aktion des DJV und der dlv-Jagdmedien „Gemeinsam Jagd erleben“, welche Erwachsene Nichtjäger als Begleiter an Jäger vermitteltn möchte und viele andere Einzelaktionen wie Vorträge und Reviergänge der Jägerschaften, versuchen gegen diesen Trend anzugehen. Wohlwissend das gerade diese naturentfremdete Bevölkerung durch die Wahlverhalten und damit einhergehenden Verschiebungen in der politischen Landschaft, sehr konkrete – nachteilige – Auswirkungen auf die Jagd zeigen. Wie die durchgeführten oder geplanten Änderungen der Landesjagdgesetze in den letzten Monaten vorführen.

Bereits 1987 machte Umberto Eco in einer seiner Kolumnen „La Bustina di Minerva“ (dt: Streichholzbriefe) des Römischen Nachrichtenmagazins L’Espresso auf diese Fehlentwicklung aufmerksam. In seinem Artikel mit dem politisch unkorrekten Titel „Auch die Bären sind böse“ griff er einen tragischen Vorfall im New Yorker Tierpark und dessen medialer Berichterstattung auf.

Im New Yorker Central Park waren einiger Kinder in das Gehege der Eisbären gestiegen um mit diesen zu spielen. Dieses Unternehmen mussten die Kinder vor den Augen der anderen Zoobesucher mit dem Leben bezahlen. Die anschließende Berichterstattung stellte sehr schnell daraufhin ab, das es sich bei den Kindern um puertoricanische Einwanderer gehandelt habe und ihr Verhalten nur durch mangelde Bildung und keinen ausreichenden Zugang zu Medien zu erklären wäre.

Umberto Eco widerspricht dem und unterstellt sogar, das diese Kinder wahrscheinlich einen zu großen Zugang zu Medien hatten und deswegen die Bären nicht als Gefahr sondern als kuschlige Spielgefährten betrachteten. „An diesem Punkt habe ich mich gefragt, ob die Kinder nicht gerade deshalb ins Becken gesprungen sind, weil sie dem Fernsehen glaubten und zur Schule gingen. (… ) unsere Kinder erziehen wir mit Geschichten von sprechenden Walen, von Wölfen, die in den Dritten Orden der Franziskaner eintreten, und vor allem mit Teddybären ohne Ende.“

Das heutige Naturverständnis sei, so Umberto Eco, Ausdruck eines Schuldbewustsein der Stadtbevölkerung gegenüber der Natur. „Um es die Tiere „wert sein“ zu lassen, daß sie überleben, werden sie vermenschlicht und verniedlicht. Man sagt nicht, daß sie ein Recht zum Überleben haben, auch wenn sie ihrer Natur nach wild und räuberisch sind, sondern man macht sie respektabel, indem man sie als liebenswert, komisch, gutmütig, brav, geduldig und weise hinstellt.“

Laufen wir nicht auch nun Gefahr durch den umjubelten Wiederkehrer Wolf und seiner naturschutzideologisierten Heiligsprechung, politisch korrekten Fehlinformationen auf den Leim zu gehen? Aber auch darauf wies Eco bereits hin „Die Legenden von einst übertrieben es mit dem bösen Wolf, die Legenden von heute übertreiben es mit den guten Wölfen.“

Aber was kann man von einer Gesellschaft erwarten, die zu Tränen gerührt den kleinen Eisbär Knut bestaunt und dessen Empfindungen überborden wenn ein bayerischer Ministerpräsident einen „Problembären“ erlegen lässt.

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Ein Gedanke zu „Von Naturentfremdung, Bären und Wölfen

  1. Wolfgang Mohr

    Vielen Dank,
    das ist sehr interessant und öffnet den Blick in die richtige Richtung.
    Die wäre, m.E., die eigenen Baumkletterer- und Waldspielreihen zu verbünden und zu stärken und bei denen, die nicht dazu gehören, für Verständnis und Toleranz zu werben.
    Dazu ist eine geschickte Öffentlichkeitsarbeit wesentlich.
    Das Verständnis erreichen wir, wenn es auch schwer wird, am besten mit einem Schulterschluss mit anderen Naturschutzverbänden. Und über den Konsum von Wildfleisch. Johann Lafer hat gerade Rehrücken gekocht, wo der wohl herkommt?!?
    Toleranz darf jeder erwarten. Flüchtlinge, Andersgläubige, z.B. auch verrückte Hobbybastler und auch Jäger.
    Hier müssen wir arbeiten!

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