Sind unsere Verbands-Prüfungen noch zeitgemäß?

Von Bernd Krewer

oder

Welche Eigenschaften unserer Jagdhunde brauchen wir im heutigen Jagdbetrieb?

Winfried Edelmann

Winfried Edelmann

Alle Jahre wieder berät und beschließt der Verbandstag des Jagdgebrauchshundverbandes (JGHV) in Fulda redaktionelle und manchmal auch materielle Änderungen in den Prüfungsordnungen des JGHV. Und nur diese sind in dieser Betrachtung gemeint, nicht die oft sehr auf die jeweilige(n) Rasse(n) fokussierten Prüfungsordnungen der Nicht-Vorstehhund-Zuchtvereine.

Auf den Verbandsjugend- und Verbandsherbstzucht-Prüfungen (VJP und HZP) sollen die ererbten und nur wenig durch den Führer beeinflussten Anlagen festgestellt werden. Die Ergebnisse erlauben Rückschlüsse auf den Erbwert der Eltern und damit auch den Zuchtwert des geprüften Hundes. Feld (und Wasser) ist dabei die Bühne und am darin beheimateten Niederwild sollen die Hunde ihre ererbten Anlagen zeigen.

Ich weiß nicht, wie hoch der Prozentsatz der Vorstehhunde ist, die nach diesen Prüfungen nie wieder im Feld arbeiten, sondern im Wald bei Bewegungsjagden und auf Wundfährten eingesetzt werden. Er dürfte beträchtlich sein.

Erlegten wir noch vor zehn Jahren nach DJV-Statistik im gesamten Bundesgebiet rd. 11.000 Rebhühner, so ging deren Zahl bis heute kontinuierlich bis auf 2.500 zurück. Vor vierzig Jahren schossen wir noch ein Vielfaches dieser heutigen „Bundes-Rebhuhnstecke“ – und Besserung ist nicht in Sicht. Beim Hasen hat sich die Strecke im gleichen Zeitraum von rd. 570.000 auf 240.000 reduziert.

vorstehen1Dagegen pendelt die Zahl der erlegten Sauen im gleichen Zeitraum zwischen 470.000 und 600.000 hin und her. Auf ein erlegtes Rebhuhn kommen also rd. 200 (!) erlegte Sauen. Und zwei erlegte Sauen liegen auf der „Bundes“-Strecke neben einem Hasen. .

Natürlich lassen sich im Feld bei der Suche, auf der Hasenspur und im Wasser auf der Schwimmspur der lebenden Ente Nasengebrauch, Wasserfreude, Lautfreudigkeit, Durchhaltewille und – mit gewissen Einschränkungen – auch die Härte feststellen und auf die Arbeit an anderen Wildarten im Wald übertragen. Aber es gibt auch erhebliche Unterschiede. Mangelnde Wildschärfe – zum Beispiel an Sauen – kann ich im Feld bei den Verbandszuchtprüfungen nicht feststellen, dazu muss ich den (hoffentlich) nerven- und wesensstabilen Hund im praktischen Jagdbetrieb oder im Schwarzwildgatter bewerten können.

Umgekehrt kann ich sicher sein, dass der auf der Hasenspur locker spurlaute Hund auch im Wald auf den frischen Schalenwildfährten laut jagen wird. Und der lockere Laut auf Spur und Fährte hat im Wald aus vielen Gründen eine sehr viel größere Bedeutung als in der offenen Feldflur. Ein Stummjager im Wald ist dort schlichtweg unbrauchbar.

Eine hohe Punktzahl als Ergebnis einer absolvierten VJP oder HZP sagt also nicht zwingend aus, dass dieser Hund auch voll „waldgeeignet“ sein muss.

Die Prüfungen sollten die jagdlichen Anlagen im „normalen“ Einsatzspektrum der jeweiligen Rassegruppe – bei den Verbandszuchtprüfungen also im Wesentlichen der (kontinentalen) Vorstehhunde – widerspiegeln. Das ist heute wohl nicht mehr so.

Foto: Reinhard Goergens

Foto: Reinhard Goergens

Wenn der „normale“ kontinentale Vorstehhund in seinem jagdlichen Leben sehr viel häufiger mit Schwarz- und Rotwild Kontakt hat als mit Hasen oder Rebhühnern, wäre dann für einen solchen Hund ein gutes Ergebnis einer Verbands-Stöberprüfung oder eines Verhaltenstests im Schwarzwildgatter nicht aussagekräftiger für seine jagdpraktische, aber auch züchterische Zukunft als eine hohe Punktzahl bei VJP oder HZP? Gäbe oder gibt es Züchter in dieser Rassegruppe, die sich auch für solche Ergebnisse bei der Wahl eines Deckrüden mehr interessieren als für die erreichten Punktezahlen bei VJP, HZP und den errungenen Preisen einer VGP?

Konsequent wäre eine neue Zuchtprüfung, auf der Nasengebrauch, Wasserfreude, von mir aus auch noch das Vorstehen und andere Fächer aus der aktuellen VJPO / HZPO mit den nicht andressierten Fächern der Verbandsstöberprüfung und Erkenntnissen im Schwarzwildgatter kombiniert würden (wobei letztere natürlich später oder früher, in jedem Falle aber separat geprüft werden, ohne zwingendes zeitliches Einbinden in diese „neue“ PO).

Ich weiß, das ist ein heißes Eisen – ich weiß aber auch, dass unter durchaus ernst zu nehmenden hundeführenden Jägern diese Fragen häufig diskutiert werden.

Da haben es die Zuchtvereine, die ihre Hunde nach eigenen, rassespezifischen Prüfungsordnungen prüfen, sehr viel einfacher. Sie haben ihre PO`s auf das jagdliche Einsatzspektrum ihrer Rasse ausgerichtet – und können diese Ordnungen auch ohne kompliziert vorbereitete Verbandstagsbeschlüsse umsetzen, wenn es sich als notwendig erweisen sollte. Sie benötigen dafür nur die Mehrheit der Mitglieder ihrer „Verfassungs-Gebenden“ Versammlung.

Fakt ist jedenfalls, dass sehr viele Vorstehhunde, die erfolgreich VJP und HZP durchlaufen haben, danach nur noch sehr selten das Feld als jagdliches Einsatzgebiet erleben können oder dürfen – mangels dort in bejagbarer Dichte vorhandenem Niederwild. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das in überschaubarer Zukunft ändern wird. Wenn das so ist, dann sollten wir unsere vielseitigen Vorstehhunde auf die Eigenschaften prüfen können, die sie in ihrem „neuen“ Einsatzbereich „Wald“ brauchen und die dort zu bejagenden Wildarten ihnen abverlangen. Und das könnte dann auch sehr positive Auswirkungen auf die züchterische Entwicklung der betroffenen Rassen haben.

Man sollte mal darüber nachdenken!

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