Offener Brief an den Präsidenten des NABU Deutschland und seine Mitglieder

Von Prof. Dr. Hans-Leopold von Sperber

Sehr geehrter Herr Präsident Tschimke, liebe Naturschützer und Mitglieder des NABU,

pünktlich zum Jahresende hat der NABU medienwirksam den Dinosaurier, Deutschlands
peinlichsten Umweltpreis, an Philipp Freiherrn zu Guttenberg und die von ihm vertretene (Zitat NABU):„kleine Minderheit“ von 2,2 Mio. Waldbesitzern, Kommunen, Kirchen und Stiftungen vergeben (Siehe Internet unter „NABU Dinosaurier“).

Jedem Bundesbürger wäre als Preisträger 2015 spontan und ohne jede Suche VW eingefallen. Wäre nicht in diesem Falle in guter Tradition des NABU Herr Winterkorn ein würdigerer Preisträger gewesen? Oder hat Herr zu Guttenberg recht mit seiner Bemerkung über Spenden und Ablasszahlungen an den NABU von VW und anderen (Zitat Nabu zur Preisverleihung:„mächtigen Industrien“)? Muss die Spende nur gross genug sein, sich das Schweigen des NABU zu erkaufen? Wo bleibt Ihr Engagement, wenn es nicht um Finanzinteressen des NABU, sondern weltweit wirklich um die bedrohte Umwelt, um die Bewahrung dieser Erde geht?

Herr zu Guttenberg hat sich nach eigenen Angaben über diese Überraschung gefreut und Sie, Herr Tschimke, eingeladen, ihm Deutschlands peinlichsten Umweltpreis anlässlich der grünen Woche in Berlin persönlich zu überreichen. Diese Einladung, Herr Tschimke, haben Sie abgesagt. Sie hätten auch einen schweren Stand gehabt, eine bemerkenswerte Aufzählung von falschen Behauptungen, Halb- und Unwahrheiten zur Begründung Ihrer Preisverleihung in einem offenen Meinungsaustausch aufrecht zu erhalten.

Erlauben Sie mir daher nach einem langen Berufsleben, das immer auch Arbeit im Naturschutz und Auseinandersetzung mit dem Naturschutz war, als Forstmann im öffentlichen und privaten Waldbesitz, in Lehre und Forschung, sowie als Waldbesitzer zu einigen Ihrer als Begründung für die Preisverleihung erbrachten Aussagen Stellung nehmen:

1.) Falsch und die Öffentlichkeit, Ihre Mitglieder, Spender und Erblasser irreführend ist Ihre
Behauptung, dass der Chef der Waldeigentümer eine anachronistische Sicht des Waldes vertritt und verbreitet, (Zitat NABU): „die sich allein auf die wirtschaftliche Nutzbarkeit der Holzressource beschränkt.“
Richtig ist: Herr zu Guttenberg tritt ebenso wie die weit überwiegende Zahl aller privaten
Waldbesitzer, wie alle Staatsforstbetriebe, Kommunalwälder, Kirchenwälder und der überwiegende Teil der Stiftungswälder für eine naturnahe, multifunktionale Waldbewirtschaftung mit nach jedweder Lage unterschiedlicher Gewichtung der Ziele ein, was auch schon mehr als 100 Jahre Flächenstilllegungen in allen Waldbesitzarten, unter anderen aus Naturschutzgründen einschliesst.

2.) Falsch und die Öffentlichkeit, Ihre Mitglieder, Spender und Erblasser irreführend ist Ihre
Behauptung: (Zitat NABU) „Bis heute hat Herr zu Guttenberg nicht akzeptiert, dass bis 2020 fünf Prozent der deutschen Wälder dauerhaft ohne forstwirtschaftliche Nutzung sein sollen. Und das, obwohl Privatwaldbesitzer so gut wie nicht betroffen sind.“
Richtig ist, dass das Bundeslandwirtschaftsministerium bereits im Herbst 2015 den derzeitigen Stand mit 5,6% der Waldfläche angegeben hat, die einer natürlichen Entwicklung überlassen sind.
Richtig ist auch, dass der NABU diese Tatsache nicht akzeptiert, obwohl sie auf einer
wissenschaftlichen Arbeit beruht, die nicht Herr zu Guttenberg oder der Waldbesitzerverband in Auftrag gegen hat, sondern das Bundesamt für Naturschutz.

3.) Falsch und die Allgemeinheit, Ihre Mitglieder, Spender und Erblasser irreführend ist auch obige Aussage, dass (Zitat NABU): „Privatwaldbesitzer so gut wie nicht betroffen sind.“
Richtig ist: Zum Beispiel in meinem Wald sind:

1. 23% der Gesamtfläche FFH (Flora-Fauna Habitat) Gebiet mit unter totalem Schutz stehenden Altholzinseln, alten oder toten Einzelbäumen und Restbeständen.
2. 8% der Gesamtfläche ausserhalb des FFH-Gebietes geschützter Biotope nach § 20 NatSchAG M-V mit einer erheblichen Einschränkung der Bewirtschaftung.
3. 12 % Horstschutzzonen 2 für den Schreiadler ausserhalb des FFH Gebietes mit ebenfalls
erheblichen Einschränkungen der Bewirtschaftung.
4. 3% Horstschutzzonen 1 für den Schreiadler ausserhalb des FFH-Gebietes mit totaler
Unterschutzstellung oder Stillegung. Diese 3% sind weder in der Statistik der gesetzlich
geschützten nutzungsfreien Flächen enthalten noch in den vom
Bundeslandwirtschaftsministerium aus der Bundeswaldinventur hergeleiteten 5,6%
nutzungsfreier Fläche, weil sie vom Schreiadler erst nach der Bundeswaldinventur in Anspruch genommen wurden.
5. mindestens 15% organische Nassstandorte oder Brücher, nicht befahrbar und daher aus der Nutzung genommen. Ob diese 15% in irgendeiner Statistik aufgenommen sind, bleibt unklar.
Der Waldeigentümer wurde nie befragt. Eine Aufnahme vor Ort ist nicht bekannt. Klar ist
aber, dass der NABU, an der Wirklichkeit vorbei, diese 15% nicht anerkennen wird, bevor
sie nicht mit einer gesetzlichen oder vom NABU geforderten, bürokratischen Teilenteignung
belegt sind.

Sehr geehrter Herr Präsident Tschimke, Sie haben selbst in den Tropen mit Umweltproblemen gearbeitet. Sie wissen also, dass jährlich weltweit mehr als die deutsche Gesamtwaldfläche von 11 Mio. Hektar tropischen Regenwaldes Armut und Raubbau zum Opfer fällt. Sie wissen auch, dass bei steigender Nachfrage nach erneuerbaren Ressourcen, bei wachsender Weltbevölkerung, sowie angestrebten, höheren Lebensstandard bei globaler Wirtschaftsverflechtung jeder Kubikmeter Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft, der in Deutschland und Europa nicht geschlagen wird, ganz oder zum Teil anderswo in Entwicklungsländern, legal oder illegal auch im Regenwald geschlagen, verbraucht oder vernichtet wird mit all seinen Folgen für Erosion, Armut und Klimaerwärmung.

Auch wenn der NABU das mit diskussionswürdigen wissenschaftlichen Arbeiten und geschickt formulierter Internet-Popaganda weiter bestreitet, bleibt es vielfach nachgewiesene Tatsache, dass ein naturnah bewirtschafteter Wald in der langfristigen Gesamtbilanz aller einzubeziehenden und kalkulierbaren Faktoren mehr Kohlenstoff speichert, also mehr zum Klimaschutz beiträgt und der bewirtschaftete Wald in der Gesamtheit seiner Ausformungen artenreicher ist als ein stillgelegter Wald.

Wie lange also werden Sie noch einen Grossteil Ihrer Kraft und Ihrer für private Waldbesitzer unvorstellbar hohen Geldreserven aus öffentlichen Mitteln, aus Spenden und Erbschaften im Kampf um jedes weitere Prozent Flächenstilllegung einsetzen und damit weiter zur Vernichtung des Regenwaldes, Minderung der Artenvielfalt und zur globalen Klimaerwärmung mit all seinen Folgen Ihren Beitrag leisten?

Sehr geehrter Herr Tschimpke, in all Ihrer Lobbyarbeit und zahlreichen ehrenvollen Tätigkeiten in Kuratorien, Stiftungen, Aufsichtsräten und anderen Räten, in Diskussionen und Vorträgen mit all Ihrer wertvollen und hochbezahlten Zeit auf Autobahnen, in Bahn und Flugzeugen, in Ministerien, Büros, Vortrags- und Kongresshallen haben Sie offensichtlich nicht nur den Kontakt zur Natur und zum Wald, sondern, – anders als Herr zu Guttenberg , – auch zur Wirklichkeit verloren. So muss Ihnen wohl entgangen sein, dass der NABU trotz Meinungsverschiedenheiten zu keiner anderen Gruppe unserer Gesellschaft so grosse gemeinsame Schnittmengen hat und in so weitem Maße gemeinsame Ziele und Interessen verfolgt wie mit den Interessenvertretern des Waldes, den Förstern und Waldbesitzern.

Ich bitte Sie daher: Kommen Sie zurück zur Natur, zurück in den Wald, zurück zur Wirklichkeit, und ich lade Sie aufrichtig ein zu einem Besuch in meinem Wald, einem Wirtschaftswald. Was werden Sie finden?

Einen Wald von mässiger, aber für Nordost-Deutschland überdurchschnittlicher Ertragskraft, dazu aber ein Kleinod an landschaftlicher Schönheit und Vielfalt, Artenreichtum und auf vielen Flächen nahezu reiner Natur. Fischotter und Biber sind hier zu Hause, der nach der roten Liste gefährdete Moorfrosch ist normal, wie Laubfrosch und zahlreiche andere Reptilien. Der Kranich brütet im Bruch, Seeadler und Weihen patrouillieren entlang der Waldränder und Wiesen, der Schwarzspecht ist der fast tägliche Begleiter des Förster und Jäger. Die Wildkatze war schon zu Besuch. Die grösste Kostbarkeit aber: der akut vom Aussterben bedrohte Schreiadler hat schon zwei Bruten erfolgreich durchgebracht. Die Horste werden, wie in benachbarten Privatwäldern auch, in enger Abstimmung mit dem zuständigen Horstschutzwart, der Kreisnaturschutzbehörde und dem Landesamt für Umwelt- und Naturschutz gehütet, beschützt bzw. in Ruhe gelassen. Auch wenn es da keinen nachvollziehbaren Zusammenhang gibt, ist es doch eigenartig, dass die Horste
des Schreiadlers erst nach der Privatisierung des Waldes gebaut und bezogen wurden.

Sehr geehrter Herr Tschimke, ich zeige Ihnen alles auf unserem gemeinsamen Waldpaziergang, auch meine Fehler der vergangenen Jahre im Management, im Waldbau, im Naturschutz und bin dankbar, wie bei anderen gemeinsamen Begehungen mit Naturschützern, Ornitologen, Limnologen und Ökologen, für Anregungen und Vorschläge. Ich zeige Ihnen auch anhand von Bestandesbildern und Fotos Erfolge auf dem Weg zu einem mehr natürlichen Wald in den letzten 10 Jahren nach dem Wechsel vom öffentlichen zum Privatwald.

Ich grüsse Sie und alle Mitglieder des NABU, mit denen wir draussen im eigentlichen oder
tatsächlich praktizierten Naturschutz so wunderbar zusammenarbeiten.

Ihr
Prof. Dr. Hans-Leopold von Sperber

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2 Gedanken zu „Offener Brief an den Präsidenten des NABU Deutschland und seine Mitglieder

  1. Wolf Müller

    Danke für den Brief. Es wurde Zeit den Ideologen des NABUs mal Argumente und Fakten entgegen zu setzen. Das passiert nicht nur auf NABU-Bundesebene sondern auch hier vom NABU-Landesverband Hamburg. Pressereklärungen sind oft populistische Propaganda.

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