Lebens ( t ) räume

Von Christoph Frucht, Ehrenpräsident des JGHV

Veränderungen im Naturgefüge

Es gibt ein sehr eindrucksvolles Bild von dem von mir sehr verehrten, leider längst  verstorbenen Kollegen Walter Niedl. Der sein Lebenswerk als Forstmann als Betreuer des Stadtwaldes von Amberg geleistet hat.

Das Bild zeigt einen Sprung Rehe, der in einem großen, frisch zur Saat vorbereiteten Feld steht. Irgendwie scheinen die Rehe in dieser erdig braunen Wüste völlig verloren. Und so heißt der Bildtitel: …..und das nennen sie Lebensraum !

Da wird sich heute mancher Jägersmann fragen, was ist daran so fragwürdig ? Das ist doch einfach so ! ?
Doch, es ist heute so !

Änderungen in den Feldfluren

Aber man muss gar nicht so weit zurückschauen !
Es war anders !
Wo wir heute – fast – selbstverständlich die Materialanbauflächen für die zahlreichen Biogasanlagen haben, wo wir Strom auf Feldern erzeugen, auf denen früher u.a. auch die Rehe äsen konnten, unendlich weite Felder aller möglicher Feldfrüchte haben – Mais mit ständig steigender Anbaufläche, Raps und alles mögliche andere -, das (hoffentlich) steigende Gewinne verspricht. Wird der Platz für andere Lebewesen immer enger !

Schon lange haben wir uns von den kleinflächigen Feldern unserer Großeltern verabschiedet.
Lange Jahre haben die Flurbereinigungsämter gewirkt, um flächenmäßig günstige Gewanne zu bilden, damit die Landwirtschaft auch Platz bekam für die industrialisierte Landwirtschaft.
Diesem Streben fielen Tausende von Kilometern „unwirtschaftlicher“ Hecken zum Opfer. Bäche und Bächlein wurden verbaut und begradigt. Raine wurden „geschliffen“.
Schließlich stellte sich doch an manchen Stellen heraus, dass solche Bereinigungen der Fluren unserer Natur nicht unbedingt hilfreich wären.
Manches Bächlein wurde mäandrierend wieder zurückgebaut.

Auch die Flurbereinigungsämter wurden umbenannt.
Sie hießen nun „Ämter für ländliche Neuordnung“.

Aber die zu Gunsten menschlicher Bedürfnisse veränderte Kulturlandschaft blieb.

Auswirkungen der Veränderungen.

Mit diesen Veränderungen haben sich auch viele Lebensräume verändert.
Hat sich mancher Lebenstraum verschiedener Tierarten inzwischen ausgeträumt.

Die Kleinfelder, die mit ihren vielen Rändern und Säumen, boten nicht nur den Rebhühnern einen liebens- und lebenswerten Lebensraum, der diesen Hühnern beste  Lebensbedingungen bot.
Auch viele Kleinvögel, wie z.B. die Feldlerche hatten damit Art erhaltende Lebensbedingungen.
Inzwischen ist der Feldlerchen Bestand seit 1975 um 50 % zurückgegangen!
Wo brütet denn heute noch der Kiebitz ?
Die Bekassine, die man einst auf vielen feuchten Wiesenflächen fand, ist verschwunden.
Die Wiesenweihe, der Brachvogel, der Wachtelkönig ?

Und es sind durchaus nicht nur Vogelarten, denen der Raum zu eng wird und sich immer weniger eignet. Der Hase findet kaum angemessenen Platz. Dem Hamster wird es zu eng.
Leider wird die Liste der Tierarten, die an Zahl ständig abnehmen oder ganz verschwinden, immer länger.

Straßen- und Wegenetz , Zahl der Kraftfahrzeuge.

Länger werden aber unsere Straßenzüge. Das Verkehrswegenetz wird ständig enger.
In vielen Landkreisen gibt es fast auf jeden zweiten Einwohner ein Kraftfahrzeug !
Wohn- und Industriegebiete wachsen ständig.
Wenn auch prognostiziert wird, dass die Bevölkerungszahlen rückläufig sind,
wir haben jetzt so bei 80 Millionen Einwohner in Deutschland.
Tendenz steigend !

Räumliche Enge

Eigentlich haben wir eben einfach keinen Platz mehr in der Herberge.

Natürlich haben wir das längst gemerkt und bauen vor !

Da sich aber der Rückbau der Natur als sehr schwierig erweist, versuchen wir es mit den vorhandenen Mitteln oder/und mit Tieren, die eigentlich längst ausgestorben waren, weil die Lebensverhältnisse schon vor Jahrzehnten nicht mehr passten oder, weil die Tierarten uns in unserem Gewinnstreben hinderlich waren.
Für sehr viel Geld – für den Naturschutz ist es ja zum Glück zur Verfügung –
haben wir uns z.B. auf den Biber zurückbesonnen. Biberschutzgebiete entstanden. Es wurden extra für den Biber verbissgeeignete Waldflächen angelegt, um ihm den Neuanfang zu erleichtern.
Das klappte.
Der Altbürger konnte neu eingebürgert werden.
Inzwischen häufen sich Klagen und ich habe auch schon gelesen, dass der Biber in Bayern stellenweise inzwischen zum „Problemtier“ geworden wäre.
Nun hoffen wir ja auf Bär, Luchs und Wolf, um unsere offenbar aus den Fugen geratene Natur wieder zu renaturieren.
Denn wir Jäger haben ja versagt, bei der notwendigen Verminderung der Schalenwildbestände. Da können eigentlich nur noch die ausgestorbenen Großraubtiere helfen.
Den Wald, dessen Fläche ja allen Unkenrufen zum Trotz, doch ständig wächst und der eigentlich schon mehrfach gestorben ist – denken Sie doch nur an das Waldsterben und den Klimawandel – wird ja nun vom Schalenwild vernichtet.

All die Gewinne, die man aus dem Wald bei der früheren Bewirtschaftung ziehen konnte, waren ja eigentlich nichtig. Denn jetzt erst, mit der industrialisierten Forstwirtschaft, wird man dem wirklichen Waldbau gerecht. All die verkalkten Professoren, die sich ihr Leben lang mit Wald und Forst beschäftigten, lagen ja doch völlig falsch.
Und hat man noch 2002 in Bayern große Feste gefeiert zum 250. Jubiläum der Bayerischen Staatforstverwaltung, stellte sich doch schon 2005 heraus, dass die alten Förster bis dahin eigentlich doch alles falsch gemacht hatten. Nur gut, dass man über deren ordentlich gehegte Holzvorräte zurückgreifen kann, denn die lassen sich wenigstens gewinnbringend verkaufen.

Jegliche Überlegungen zu allenfalls möglichen Lebensraumverbesserungen in diesen Wäldern sind unsinnig. Der Wald ist einfach so und da muss man nichts verbessern.
Denn es war natürlich falsch, dass man dort früher Wildwiesen und Prossholzflächen u.U. sogar pflegte oder sogar neu anlegte.

Was man m.E. dabei aber völlig außer Acht lässt, sind die Veränderungen im Wald :
Mindestens bis zum Ende des 2. Weltkrieges hatten wir in vielen Wäldern großflächig und wüchsig z.B. die Heidelbeere mit gutem, immergrünem Wuchs. Durch die heftige Stickstoffzufuhr aus der Luft, durch den Ausfall der Streunutzungen bei gleichzeitigem Kalken der Rohhumusflächen, ist in vielen Teilen des Landes dieser üppige Beerkrautwuchs verchwunden.
Das aber war die Winteräsung ! ! !
Der Wald bietet genug Lebensraum für ein paar Stücke Schalenwild, heisst es, auch ohne jegliche Verbesserungen, natürlich auch ohne Beerkraut oder winterliche Grundfütterung nur mit Heu oder einfacher Silage.

Gleichzeitig legt man auf den Feldern inzwischen „Lerchenfenster“ an, um die schwindenden Feldlerchenbestände auf zu halten, oder auch der Kornweihe Brutraum zu gewinnen.
Oder lässt Felder oder Feldteile mit geringen Bodenwertzahlen und/oder ungünstiger Lage als „Stilllegungsflächen“ liegen, um Lebensräume zu gewinnen.
Eine ganze Reihe von Programmen läuft hier, um die Situation, wenn nicht zu verbessern, so doch wenigstens, um sie nicht allzu heftig zu verschlechtern !

Dabei wird auch gern vergessen, dass z.B. im gesamten Alpenraum alljährlich 140 Mio. Besucher einströmen, um diesen herrlichen Raum zu genießen. Unzählige Skiabfahrten, -pisten, -lifttrassen, Zufahrten, Parkplätze werden und wurden erstellt. Die Skiabfahrten meist gerade dort, wo es sonnig ist oder/und der Wind den Schnee leicht wegwehen kann, damit dort das Lahnergras als Äsung aufgenommen werden könnte. – wen wunderte es, dass sich die Gams in den Wald verziehen.
Ob ihnen allerdings dort die nötige Ruhe gewährt wird, ist mindestens fraglich, denn der wirklich gute Skiläufer mag die Pisten eher nicht und fährt am liebsten abseits dieser Pisten!
Unruhe also auf der ganzen Linie !

Aber sicherlich nicht nur im Alpenraum, auch die Wälder der Ebenen und Mittelgebirge sind gern aufgesuchte Freizeitziele.
Der Naturnutzer werden es laufend mehr. Selbst nächtens kriechen die Geocatcher im Wald herum, um ihr begehrtes Zielobjekt aufzufinden.
Und die Radler sind ja meist keine schlichten Radler mehr, die es früher gab.
Es sind „biker“. Und die haben zum Teil Sportgeräte, die selbst am Mount Everest wahrscheinlich nicht versagen. An der Watzmann Ostwand, dem Blaueisgletscher und der Zugspitze werden sicherlich schon Einsatzmöglichkeiten gesucht und im Zweifelsfalle auch gefunden.

Die leider unzähligen und unsäglichen Unfälle mit Wild sind tragisch.
Ob wir nicht dabei völlig vergessen, dass wir den Lebensraum des Wildes für uns auch beanspruchen ?
Und wer achtet denn schon auf das Verkehrszeichen : „Achtung Wildwechsel“ ! ?
Wo doch schon weder das Überholverbot und/ oder das Tempolimit beachtet wird !
Früher konnte z.B. das Rotwild aus dem Alpenraum vor der schneereichen Winterszeit in die tieferen Lagen abwandern. In den den Inn- und Isarauen stand es dann und Äsung gab es dort genug.
Das Rotwild stellt sich gerne im Winter mehr auf die sonnseitigen Lagen, währenddessen es im Sommer es lieber schattig hat.
Zur Stoffwechselruhezeit im Winter sind Störungen für das Wild schlecht. Fluchtnotwendigkeiten müssen durch gesteigerten Stoffwechsel ausgeglichen werden und der wiederum lässt sich nur durch vermehrte Nahrungsaufnahme beantworten. Wenn aber im Winterwald in den tiefen, nahrungsarmen, aber sicheren Einständen. Nichts findet außer Rinde und Knospen, dann haben wir schon wieder ein Problem.
Das ist halt einfach die Entwicklung. Sie lässt sich nicht zurückdrehen. Das ist die gegebene Situation und nicht nur wir Jägersleute müssen damit zurecht kommen, auch das Wild erlebt dies dauernd !

Aber die Unruhe in unserer Landschaft nur durch Menschen zu sehen, wäre zu einseitig. Wir alle sind sehr tierlieb. Denken Sie doch nur daran, wie viele Milliarden für Tiernahrung umgesetzt werden. Und doch müssen z.B. die 20 Millionen Hauskatzen, und wenn sie noch so gut gefüttert würden, ihrem Raubtiertrieb folgen und zusätzlich Beute machen. Leider nicht nur Mäuse und/oder Ratten. Junghasen, Jungvögel, aber auch durchaus erwachsene Vögel, Mauswiesel, Eidechsen, Blindschleichen, Frösche.
Leider nimmt die Phalanx der Prädatoren eher zu. Der Waschbär tritt seinen Siegeszug an, heftig gefolgt vom Marderhund.
Wenn wir diese Prädatoren nicht bejagen dürfen, dann leidet letztendlich auch unsere gesamte bodenbrütende Vogelwelt darunter.

Da aber ja geplant ist, von jeglichem Abschuss von Prädatoren Abstand zu nehmen, das Niederwild ganzjährig geschont bleiben soll, kann man jetzt schon übersehen, wohin die Reise führen wird !
Dass sich das die Jagdgenossen gefallen lassen wollen ?
Denn m.E. gibt es keinen heftigeren Eingriff in die Eigentumsrechte der Grundbesitzer !
Wer will den unter solchen Vorgaben noch ein Revier pachten ?

Denn, das wollen wir ja doch bitte keinesfalls vergessen : in unserer Natur ist doch gar nichts mehr natürlich.
Natürlich !
Denn wir leben doch nicht mehr in einer Naturlandschaft !
Wir leben in einer Kulturlandschaft !
Seit Jahrhunderten von uns zu unserem Vorteil verändert !
Jeder Baustein dieser künstlich geschaffenen „Mauer“ ( = das was für heute als „Natur“ ansehen ), den wir verändern, bringt das so meisterhaft künstlich geschaffene „Naturgefüge“ dieser Kulturlandschaft aus dem Gleichgewicht ! -so wirtschaftet natürlich auch z.B. die ANW (= Arbeitsgemeinschaft Naturnaher Waldbau) im Grunde im über Jahrhunderte vom Menschen beeinflussten Forst !-
nicht im Naturwald !!
So belügen wir uns auf breiter Linie munter selbst ! Und jeder glaubt von seinem eigenen Tun in der Kulturlandschaft, dass es natürlich natürlich ist ! Unbedingt !

Wir erhalten in der Rhön z.B. mit enormem Aufwand die offenen Strukturen der Rhönwiesen.
Die machen eigentlich „das Land der offenen Fernen“ aus.
Typische Vögel darin: u.a. das Birkhuhn, der Wachtelkönig und die Bekassine.
Dazu gibt es den Uhu, der dort langsam wieder heimisch wird und im vergangenen Jahr drei Bruten hochbrachte, die Kolkraben, die Rabenkrähen und die Elstern, neben all den anderen Tag- und Nachtgreifen.
Dazu schiebt sich der Wildkatzenbestand auch in die Hochrhön und neben den Wildschweinen, Füchsen, Dachsen, Mardern, Wieseln Waschbären und Marderhunden. und gibt ein ganzes Heer von anderen Tierarten, die die Wiederansiedlung manch anderer Tierart und/oder deren Erhaltung enorm erschweren.
Dazu der industrialisierte Tourismus mit zum Glück für die Vermieter hohen Besucherzahlen. Leider sehen alle Besucher nur die schöne Landschaft und freuen sich darüber. Dass sie selbst in dieser Landschaft, wenn sie sich nicht ohne jede Abweichung von den „Benutzervorschriften“ an diese halten, Störfaktoren sein können, das möchte keiner wahr haben !

Zum Schluss dieser Betrachtung dann noch mal ein Bild vom hochverehrten
Kollegen NIEDL als Resumee :
Abgebildet ein kleines Rudel Rotwild, das durch tiefen Schnee irgendwohin zieht, vielleicht auf der Suche nach dem „täglichen Brot“.

Bildunterschrift : Rotwild – Notwild
– Nützlich ? Schädlich ?
Es geht ums DASEINSRECHT aller Geschöpfe,
„somit allein darum,
recht zu tun –
nicht recht zu behalten !“

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