„Gemeinsamen Handeln ist wichtiger denn je“

Interview mit Hartwig Fischer, Präsident des Deutschen Jagdschutzverband

Jagdmunition, EGMR-Urteil, Fangjagd, Wald-Wild-Konflikt – Herr Fischer, wie schaffen Sie es, diese Fülle von politischen Themen zu bewältigen?
Beides, die Themenfülle und die Themen selbst, können wir nur gemeinsam stemmen. Gemeinsam heißt – die Jägerschaft auf allen Ebenen. Es ist wichtig, für alle Aufgaben unsere gesamte Fachkompetenz zu nutzen, Stärken zu bündeln und uns zu vernetzen. Das schließt das gesamte DJV-Präsidium ein: Die Präsidenten haben mehr Verantwortung übernommen und sind in die Fragestellungen direkt eingebunden.

Eines der Themen – das Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte – hat den DJV das ganze Geschäftsjahr über beschäftigt. Wie hat der Dachverband diesen Prozess begleitet?
In dem Verfahren gegen die Pflichtmitgliedschaft in der Jagdgenossenschaft war der DJV von Beginn an als Drittbeteiligter zugelassen. Wir konnten durch eigene Stellungnahmen selbst vortragen, wie wichtig die flächendeckende Jagd in Deutschland ist. Das wollen wir: uns aktiv beteiligen und bei Bedarf auch juristische Wege beschreiten.
Gemeinsam mit Partnern war der DJV auch frühzeitig in den Gesetzentwurf zur Änderung des Bundesjagdgesetzes eingebunden. Wir haben Pressemeldungen und Frage-und-Antwort-Papiere zum Thema veröffentlicht – für mehr Transparenz. In der Summe hat der DJV im Geschäftsjahr 2012/13 etwa 60 Pressemeldungen veröffentlicht und mehr als 90 DJV-Nachrichten.

Welche Neuerungen gibt es noch?
Wir haben es geschafft – trotz Personalreduzierung –, die Fachkompetenz in der Geschäftsstelle auszubauen, haben den Kernbereich „Forst, Jagd und Landwirtschaft“ durch zwei Fachreferenten gestärkt und unsere hervorragende Mannschaft erweitert. Wir holen uns Expertisen von außen in Fachveranstaltungen und in Ausschüsse hinein.
Zudem initiieren wir eigene wissenschaftliche Erhebungen wie die Umfrage zur Verwendung von Jagdmunition und die Jungjägerbefragung. Letztere hat uns einen wichtigen Einblick in das Denken und die Motivation der neuen Jägergeneration ermöglicht.
Ich selbst bin wöchentlich in der Berliner Geschäftsstelle und bespreche mit den Mitarbeitern vor Ort aktuelle Themen und anstehende Aufgaben. Das ist unsere Stärke: der enge Austausch und eine intensive Zusammenarbeit – auf allen Ebenen.

Das funktioniert sicher nicht ohne Weiteres. Als Dachverband vertritt der DJV immerhin die Jägerschaft auf bundesweiter Ebene.
Um erfolgreich zu sein, muss das Umkehrprinzip gelten: Nicht „von oben nach unten“ darf die Maxime lauten, sondern aktiv sein auf jeder Ebene. Der DJV ist mehr als nur die Geschäftsstelle in Berlin: 15 Landesjagdverbände und 245.000 Jäger sind ein Wissenspotenzial, das wir nutzen müssen. Und dabei ist jeder gefragt: Denn der Jäger vor Ort ist es, der den Menschen begegnet und ihnen sein Bild von der Jagd vermittelt.
Wir als Dachverband unterstützen jeden bei seiner Arbeit: durch Informationsmaterialien wie Broschüren, Präsentationen oder den Argumentationsleitfaden der Kampagne „Fakten statt Vorurteile“.

Persönliche Gespräche sind zeitaufwändig. Dabei gilt es, mehr als 350.000 Jägerinnen und Jäger in Deutschland zu erreichen.
Wir nutzen seit anderthalb Jahren die neuen Medien, um besser und effizienter zu informieren, insbesondere die jüngeren Jägerinnen und Jäger. Es ist wichtig, gerade diese Zielgruppe einzubinden, denn sie ist unsere Zukunft. Über Facebook erreichen wir wöchentlich bis zu 70.000 Menschen. Damit können wir vor allem schnell informieren
und agieren – und sind letztlich schlagkräftiger. Wir rufen bei Bedarf zu Protest auf und nehmen Stimmungen wahr.
Zudem informiert der DJV über DJV-Meldungen und den DJV-Newsletter, der im Übrigen an mehr als 7.000 Abonnenten geht. Durch die Postkarten-Aktion „Machen Sie mit!“ werden es täglich mehr. Übrigens: Die Postkarten – zum Selbstausfüllen oder Verteilen – können bei allen Landesjagdverbänden oder in der DJV-Geschäftsstelle angefordert werden. Und dann: einfach ausfüllen und abschicken.
Noch schneller geht es mit den elektronischen Postkarten auf der DJV-Internetseite www.jagdverband.de.
Und – wir probieren neue Wege aus: Wir haben gechattet und Veranstaltungen per Video oder Ticker übertragen, etwa die BfR-Tagung und das Wald-Wild-Forum. Neu neben den bewährten Hörfunkbeiträgen sind die Videos auf YouTube, etwa zu den Messeauftritten auf der Grünen Woche oder der didacta. Die Resonanz zeigt uns: Damit liegen wir richtig. Ich meine: Reinschauen lohnt sich!

Nun besitzen aber nicht alle Jägerinnen und Jäger ein E-Mail-Konto oder haben ein Facebook-Profil. Warum ist dem DJV diese Form der Kommunikation dennoch so wichtig?
Zunächst einmal: Die Kommunikation beschränkt sich ja nicht allein auf den Dialog im Internet. Uns geht es dabei vor allem um das „Netzwerken“ in allen Facetten. Kom-
munikation und Vernetzung müssen gelebt werden. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit den Landesjagdverbänden. Bereits zum zweiten Mal haben sich beispielsweise die Verantwortlichen für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von DJV und LJV zum Austausch und zu Workshops getroffen – was bisher in dieser Art nicht stattgefunden
hat. Wertvoll sind ebenfalls die vielen Gespräche vor Ort.
Bei meinen mehr als 150 Treffen mit Mitgliedern und Jägern, in den Hegeringen oder bei den zahlreichen politischen Gesprächen mit unseren Partnerverbänden, die ich
bisher führen durfte, erhalte ich wertvolle Informationen und ein Stimmungsbild.

Wie sehen Sie die Zukunft der Jagd?
Ich bin mit Leidenschaft Jäger und, wann immer es meine Zeit zulässt, in der Natur. Und ich weiß, viele Jagdfreunde empfinden ähnlich. In Deutschland nimmt die Zahl der
Jagdscheininhaber seit 20 Jahren zu. Die Jagd wird beliebter – auch bei jungen Leuten. Toll ist, dass sich immer mehr Frauen für das Waidwerk entscheiden – in den Jungjägerkursen beträgt deren Anteil bereits rund 20 Prozent.
Es gilt aber auch: Die Zukunft der Jagd hängt entscheidend von den ehrenamtlich Tätigen ab. Deshalb danke ich allen Jägerinnen und Jägern, die sich im Revier, bei der Ausbildung von Jungjägern, bei der Jugendpädagogik, gegenüber der Presse oder anderweitig im Verein für die Jagd engagieren. Jeder Jäger ist ein Botschafter der Jagd.
Da ist gemeinsames Handeln wichtiger denn je.

Erstabdruck: Deutschen Jagdverband – Verbandsbericht 2012 – 2013
Mit freundlicher Genehmigung des DJV.

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