Fromme Wünsche

Von Frank Martini

Unsere Jagdverbände haben es in diesen Tagen nicht leicht. Im Südwesten der Republik steht ein neues grünes Landesjagdgesetz unmittelbar vor der Verabschiedung, zwischen Rhein und Ruhr stehen wachsende vom LJV initiierte Proteste schwindenden Hoffnungen, nicht mehr als das Schlimmste noch verhindern zu können gegenüber. Und die Begehrlichkeiten einer schönen neuen, im grünen Sinne politisch korrekten Jagdgesetzgebung auch in anderen Ländern und dem Bund werden allmählich unüberhörbar.

In dieser Gemengelage gibt es eine Stellungnahme aus dem LJV Baden Württemberg, die ungewöhnliche Aufmerksamkeit und teils harsche Kritik und Unverständnis bei vielen Jägern bundesweit auslöst – mit einem angesichts der Lage dort nicht weiter beachtlichen Vorgang. Irgendwer der Verbandsverantwortlichen hatte sich auf Facebook deutlich vom Editorial Heiko Hornungs in der aktuellen „Wild und Hund“-Ausgabe distanziert.

Nun hat es den Ermächtigungsbegriff, den Hornung geschichtsträchtig aufgreift, seit 1933 weiß Gott mehr als einmal gegeben, auch in bisherigen Landesjagdgesetzen war er zu finden. Waren dem WuH-Chefredakteur also schlicht die Gäule durchgegangen? Ganz sicher nicht. Hatte er überzogen? Vielleicht. Durfte er das? Ganz sicher – sowohl unter rechtlichen wie journalistisch-handwerklichen Gesichtspunkten! Warum also die Distanzierung des LJV BW? Zumal WuH ja nicht gerade im Verdacht steht, eine „Verbandspostille“ zu sein.

Ich bin dem LJV in Baden-Württemberg dankbar für dieses Facebook-Posting! Obschon ich es weder inhaltlich teile, noch einen berechtigten Anlass dazu in Heikos Editorial sehe. Aber mit dem, was es an Kritik in der Jägerschaft ausgelöst hat, hat es einen nun nicht mehr länger leugbaren dringenden Diskussionsbedarf aufgezeigt. Über die Frage, was wir uns als Jäger eigentlich noch alles bieten lassen müssen, ohne „aus der Reserve“ zu kommen. Immer nur hübsch sachbetont und politisch korrekt, in bester christlicher Tradition auch die andere Wange noch hinhalten. Wie Gottes Sohn – den die Römer schließlich ohne jeden Ansatz von Flucht, geschweige denn Gegenwehr amüsiert ans Kreuz nageln konnten.

Um nicht missverstanden zu werden – ich will hier keinesfalls der Gewalt das Wort reden! Nicht mal andeuten, dass man auf Sachlichkeit pfeifen und sich auf das Niveau teils schier unerträglicher Entblödungen angeblich nicht mal jagdgegnerischer Verbände, Parteien und Personen herablassen sollte. Aber ich meine– wenn dieses drastische Bild erlaubt ist – der Stock muss endlich aus dem Arsch unseres öffentlichen Auftretens! Es muss nicht nur erlaubt sein, nein, es sollte m. E. zur gut gepflegten Übung werden, mit souveräner Eloquenz endlich auf jeden groben Klotz auch einen passenden groben Keil zu setzen. Bislang möglicherweise noch eine Minderheitsmeinung – die nun hoffentlich endlich, dem LJV-BW sei Dank – eine offene und breite Diskussion bei uns Jägern mit unseren Verbänden entfacht.

Von „meinem“ Jägerpräsidenten Ralph Müller-Schallenberg wünsche ich mir zum Auftakt ein deutliches Signal. In einer kurzen knackigen schallenden rhetorischen Ohrfeige für den NABU-Landesvorsitzenden Josef Tumbrinck und die Grünen in Paderborn. Die hatten Tumbrinck nämlich in journalistischer Manie, jedoch ohne jede kritische Distanz oder journalistisches Hinterfragen auf ihrer Website schäumen lassen über Hornungs angeblich so unbotmäßigen Nazi-Vergleich. Und im gleichen Atemzug die übliche historische Verkürzung vom Bundesjagdgesetz als Verlängerung des Göringschen Nazi-Ungeistes in die zweite Republik kolportiert. Dann auch noch die Chuzpe zu besitzen, Ralph Müller-Schallenberg analog zum Posting des LJV-BW zu einer öffentlichen Distanzierung vom Text Hornungs aufzufordern, mag einem in meinen Augen ohnehin längst fragwürdigen Verständnis von „political correctness“ entsprechen, wird in meiner Heimat aber schlicht als Frechheit begriffen – und auch so geahndet. Wer einem hier im Pott dermaßen blöde kommt, kann eigentlich nur froh sein, wenn er nicht mehr erntet als ein knappes: „Was willst Du, Arschloch? Verpiss Dich!“ Passender Deckel auf passenden Topf eben.

Können wir uns sowas leisten? Wir müssen! Abgesehen davon, dass unser – mit Verlaub – bisweilen kläglich anmutendes Sachlichkeitsgewinsel keinerlei Kongruenz mit unserem durch unsere Qualifikation und Leistungen selbstverständlich berechtigten Selbstbewusstsein aufweist, schauen wir, landauf, landab, doch nur auf den Status quo! Kann irgendjemand einen belastbaren Beweis antreten, dass diese permanenten öffentlichen Nadelstiche, dieses geschickte emotionale Instrumentalisieren von Einzelaspekten der Jagd für deren scheinvernünftige generelle „Renovierungsbedürftigkeit“ nicht erst den Boden für die gesellschaftliche und politische Situation, vor der wir nun stehen, bereitet hat? Eben!

Nichts gegen tolle Schulkoffer, rollende Waldschulen in Kindergärten und Grundschulen, lukullische Festtage und verbandsübergreifende Biotophegeevents auf Ortsebene! Nicht mal etwas gegen Internetauftritte und begleitende Social-Media-Aktionen. Aber einer nachhaltigen wirksamen Öffentlichkeitsarbeit bedarf es in unserer disneyisierten Mainstream-Medien Gesellschaft strategisch wie strukturell mehr, viel mehr für den Erfolg. Da sind Hornungs Provokationen gewiss nur ein operativer Mosaikstein, eine Marginalie am Rande. Aber eine, die nicht nur selbstverständlich dazu-, sondern die auch noch weiterentwickelt gehört – weil auch sie letztlich nur eine (späte) Re-aktion auf das war, was wir alles schon freundlich schluckend zur Kenntnis genommen haben.

Müssen wir da umdenken? Zumindest müssen wir diese Frage sehr gründlich und offen diskutieren. Und zwar schleunigst.

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2 Gedanken zu „Fromme Wünsche

  1. Joachim Orbach

    Ein guter Artikel, denn im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit muss mehr getan werden. Hier hätte ich auch bereits schon mehr von meinem Landesjagdverband, dem JGHV und den weiteren 9 Verbänden die gegen den vorliegenden Gesetzentwurf des Herrn Remmel sind erwartet.

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  2. MH

    Bravo!

    Ich habe nach dem Editorial in der WuH mit Grausen die Unfähigkeit auf Jägerseite gesehen, den Ball einfach zurückzuspielen und auch mal zu provozieren.

    Jäger = Herrenmenschen und Jagdgesetz = Nazi-Gesetz ist offenbar salonfähig. So unverblümt und schlimmer lauten viele Kommentare zu den jüngsten Berichten über den NRW-Gesetzentwurf (mit der Reduzierung auf den Abschuß wildernder Katzen und Hunde), daß die Aufregung über die Provokation von Heiko Hornung doch mächtig aufgesetzt erscheint. Über „Lustmörder“ und all die anderen Verunglimpfungen wollen wir gar nicht reden, oder über das Hochsitzkataster mit dem offenen Aufruf zu Sachbeschädigung und Schlimmerem.

    Um beim Fußball zu bleiben: Wenn Jagdgegner permanent das Mittel der Blutgrätsche verwenden und der Schiedsrichter ständig wegsieht, muß man wegen Fair Play leider trotzdem die andere Wange auch hinhalten. Political Correctness „auf dem Rasen“, das würde ich mir von den Jagdgegnern wünschen. Aber Tatsache ist: Die Emotionalität auf deren Seite, mit der die Debatte geführt wird und das sich verschließen vor Fakten hat über Jahre gezeigt, daß dort mit Argumenten kein Blumentopf zu gewinnen ist. Schade, daß sich so viele Medien vor den Karren spannen lassen und um der Quote willen lieber das Spektakuläre ungeprüft verbreiten.

    Wenn keine Rückbesinnung erfolgt, werden wir alle die Zeche zu zahlen haben mit Tierseuchen und vielleicht sogar Zoonosen. Gerade wurden wieder wegen eines Vogelgrippe-Virus 30.000 Puten gekeult. Man muß sich diese Zahl mal vorstellen. Getötete Bestände zu Zigtausenden mögen die Allgemeinheit solange kaltlassen, bis irgendwann die Preise für Fleisch aus Massentierhaltung steigen, aber wenn vielleicht die Krankheitsüberträger auch in der Nachbarschaft auftauchen oder die Kulturfolger, mit denen wir es zu tun bekommen, größer werden und es nicht nur der Marder ist, der sich am Kabelbaum des Autos vergreift, sondern der Fuchs mangels erfolgreicher flächiger Beköderung in den Städten sein Geschenk der Tollwut oder auch nur die Räude an das (ungeimpfte) Haustier weitergibt oder das Wildschwein den Vorgarten verwüstet, dann wird das Geschrei nach den Jägern als Schädlingsbekämpfern folgen (über Wölfe darf man ja nichts sagen, dann hat man sofort versch…)

    Also: Aufstehen und Flagge zeigen. Das ist das einzige, was man tun kann. Die Mehrheit der Bevölkerung sieht die Jagd positiv. Die Stimmungsmache einer Minderheit darf das nicht zunichte machen.

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