Das “ökologische Gleichgewicht”

Diese Experten unterschlagen konsequent eine Tatsache, die auch die Öffentlichkeit sich nicht klar genug macht: Der Mensch steht nicht über dieser Natur (wo habe ich den Satz bloß gehört?), er ist nicht ihr Herr, der ohne Rücksicht auf andere und auf Kosten anderer bedenkenlos Raubbau treiben sollte. Das ist eine Binsenweisheit. Aber er ist auch kein Alien, das von Alpha Centauri auf die Erde gekommen ist, sondern er ist Bestandteil dieser Natur, dieser Umwelt, mit allen Rechten, die jedes Mitglied daraus ableiten darf.

Ja, Rechte. Pflichten nämlich, das ist das Danaergeschenk von Mutter Natur, Pflichten werden keinem auferlegt, im Umgang mit der Natur kann man sie sich allenfalls selbst auferlegen. Eine Pflicht setzt eine akzeptierte Regel, eine Erwartungshaltung der Umgebung, der Gesellschaft an das individuelle Verhalten voraus. Genau darauf verzichtet die Natur völlig. Sie lässt gewähren, gibt uns uneingeschränkte Freiheit zur Entscheidung – und reagiert dann. Gelassen, aber knallhart, ohne Vorwarnung und Kulanz. Sie serviert uns die Rechnung und treibt sie ein, sofort oder später, ohne jede Nachsicht, und die Konsequenzen sind zu tragen. Aber die Konsequenzen aus dem, was man nicht tut, also unterlässt, die gehören ebenso dazu, auch darüber müssen wir uns im Klaren sein. Und, deswegen der Begriff Danaergeschenk: Natur warnt nicht vor eventuellen Folgen, weder uns noch sonst wen, es gibt auch keine der heute so beliebten Geld- zurück- Garantien. Das ist die Kehrseite der Medaille “uneingeschränkte Entscheidungsfreiheit”. Weil sie keine Unterschiede macht zwischen dem Menschen und sonstwem. Wir sind für sie ein Mitglied der Mischpoke. Ein mehr als alle anderen ungebärdiges, oft bedenkenlos zerstörerisches, sehr effizient wirkendes, intelligentes Mitglied – aber eben ein Mitglied. Ein ungezogenes Kind, wenn man so will. Mit einer Mutter, der Natur, die in puncto Nachsicht so gar nichts gemein hat mit unseren biologischen Müttern. Natur reagiert über Regelkreise, egal wie, ob zum vermeintlich Guten oder zum vermeintlich Schlechten hin. Und was gut oder schlecht ist, das stellt sich meist erst lange, lange nach dem Eintritt der Folgen heraus, es ist darüber hinaus auch noch abhängig vom Zeitgeist, von der persönlichen Einstellung zu den eintretenden Ergebnissen und Veränderungen. Und, wie so oft bewiesen: Natur macht aus vermeintlichen Ruinen Paradiese, aus vermeintlich “unwiederbringlich Zerstörtem” wahre Juwele; sie braucht nur ihre Zeit, und sie nimmt sie sich. Man muss eben Geduld haben. Und die Fähigkeit und Bereitschaft, diese Paradiese auch zu erkennen und anzunehmen. Siehe die Lüneburger Heide. Sie war jahrhundertelang als Ödnis verschrien, als langweilige, unfruchtbare Wüstenei. Bis sie, bezeichnenderweise vom Wohlstandsbürger des beginnenden Industriezeitalter, als faszinierende Landschaft entdeckt wurde und “in Mode” kam, allerdings auch prompt wieder ins romantisierende Klischee gepresst wurde.

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