Darf der Jäger töten?

Wünschen sich etwas zu wünschen

Und selbst wenn wir dem Tier einen abgeschwächten Interessebegriff zuschreiben könnten – das Besondere am Menschen ist seine Fähigkeit, sich zu seinen Interessen zu verhalten. Harry Frankfurt führte dazu den Begriff der „Volitionen zweiter Stufe“ in die Diskussion ein. Damit wurde zum Ausdruck gebracht, dass wir nicht nur Wünsche oder Interessen besitzen, sondern dass wir uns zu diesen Wünschen oder Interessen wiederum verhalten können. Wir können wünschen, bestimmte Wünsche zu haben oder nicht zu haben. Wir sind dadurch in der Lage, Dinge nicht nur nach unseren Wünschen zu bewerten, sondern wir bewerten bereits unsere Wünsche. 1 Volitionen erster Stufe charakterisieren danach triebhafte Wesen, die sich nicht nochmals zu ihren Wünschen verhalten können, sondern alternativ- und kritiklos versuchen den Wunsch zu befriedigen. Diese Reflexion weist eine innere Differenz des Menschen zu seinem Sosein auf. Dass diese Unterscheidung von entscheidender moralischer Bedeutung ist, kann man sich verdeutlichen, indem wir menschliches Verhalten anders moralisch (zum Teil auch rechtlich) bewerten, wenn festzustellen ist, wenn der Handelnde nicht die Freiheit hatte, anders zu handeln. Willensfreiheit oder Handlungsalternativen sind die beiden Begriffe, die in der gegenwärtigen Diskussion das moralische Kriterium darstellen können, als Voraussetzung von Moralität. „Diesem Begriff zufolge sind Personen dann für ihre Handlungen verantwortlich, wenn sie diese Handlungen nicht bzw. anders hätten ausführen können. Der Ausdruck >können< zeigt an, dass sich Personen der Raum für Handlungen in modal differenzierter Form öffnet und sie nicht zwanghaft in ontologisch eindimensionale Ereignisketten eingebunden sind.“ 2 Die Leidensfähigkeit der Tiere und hier speziell des Wildes begründet nicht die Zuschreibung von Rechten, wohl aber die Verpflichtung des Jägers, die Jagd möglichst stress- und schmerzfrei zu betreiben. Die konkreten praktischen Folgerungen daraus wären Gegenstand einer gesonderten Betrachtung. Wobei ich vermute, dass der Begriff der >Waidgerechtigkeit< bei dieser Betrachtung das gleiche Schicksal erleidet wie der der >Würde<.

Resümee

Aus der Leidfähigkeit der Tiere lässt sich nicht rechtfertigen, Tiere einen eigenen moralischen Status zuzuschreiben. Die moralische Einbahnstrasse gibt es nicht. Wohl aber die Verpflichtung des Menschen im Umgang mit den Tieren deren Leidfähigkeit Rechnung zu tragen, wie dies durch die tierschutzrechtlichen Bestimmungen versucht wird.
Der Jäger darf Tiere töten, da der Tod des Tieres keinen eigenständigen Wert verletzt.

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Notes:

  1. Harry Frankfurt: Freedom of the Will and the Concept of a Person. In: The Journal of Philosophy 68 (1971), S. 5-20. Deutsch: Willensfreiheit und der Begriff der Person. In: Analytische Philosophie des Geistes. Hrsg. von Peter Bieri, Königstein 1981, S. 287-302
  2. Dieter Sturma: Philosophie der Person. Die Selbstverhältnisse von Subjektivität und Moralität. Habil.-Schr., 1995; Paderborn: Schöningh, 1997; S. 39.

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