Darf der Jäger töten?

Instinkt oder Wille

Ich denke, dass die Annahme eines bloßen Analogieschlusses bezüglich der Interpretation menschlichen Verhaltens, das nicht das meine ist, keine hinreichende Erklärung abgeben kann. Es ist zwar durchaus so, dass wir Verhalten oder Aussagen anderer nur verstehen können, wenn wir vergleichbare Erfahrungen bereits gemacht haben. Wer noch nie Zahnschmerzen hatte, kann sich darunter nichts vorstellen, und seien die Schmerzäußerungen des anderen noch so eindrucksvoll. Dagegen steht aber, dass wir selbst erst lernen mussten, im Umgang mit anderen, dass die Schmerzen in unserem Mundraum als Zahnschmerzen bezeichnet werden. Was ich damit verdeutlichen möchte, ist, dass die Informationen zwischen Menschen ausgetauscht werden – nonverbal oder mittels Sprache – und sich daraus her eine Kommunikation entwickelt. Des Weiteren kann mir ein Zahnarzt auch empirisch belegen, dass der verfaulte Zahn Schmerzen verursacht hat bei meinem Gegenüber. „Für ein Tier ist es gleichgültig. Wie man es von außen beschreibt, wie es andererseits auch von außen unmöglich ist zu wissen, wie es ist, dieses Tier oder ein Tier dieser Art zu sein. Menschen sprechen über einen anderen mit ihm selbst und über sich mit anderen. Die Außenperspektive ist für die Innenperspektive relevant und modifiziert sie, wie es auch umgekehrt für die Außenperspektive, …, unerlässlich ist, über die Innenperspektive unterrichtet zu werden“ 1 Es ist zwar ein sehr sperriger Text, aber eine Auseinandersetzung lohnt sich. Das Innenleben der Fledermaus bleibt uns verborgen, denn um zu wissen, wie es ist, etwas zu fühlen, muss man es fühlen. Darauf entgegnete D.C. Dennett, dass es prinzipiell für einen Menschen möglich wäre, anhand der nonverbalen Zeichen der Fledermäuse, Rückschlüsse auf deren Befinden zu ziehen. Er schränkte jedoch sofort ein, dass das mentale Erleben einer Fledermaus gegenüber eines Menschen „stark verstümmelt“ sei. 2 Dass Fledermäuse – hier exemplarisch für alle nichtmenschlichen Lebewesen – auch eine Hervorhebung erfahren, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Frage „Wie fühlt es sich an eine Bohrmaschine zu sein?“ sinnlos ist. Tiere sind wegen ihrer Empfindsamkeit keine Sachen, aber auch keine möglichen direkten Adressaten von moralischen Rechten. Moralische Pflichten der Tiere fordert nicht einmal die Tierrechtsbewegung. Ein weiterer Hinweis mag diesen wesensmäßigen Unterschied weiter verdeutlichen. Robert Spaemann argumentiert diesen wesensmäßigen Unterschied durch den Aufweiß zweier Differenzen zwischen Tier und Mensch. Erstens die Instinktoffenheit des Menschen, durch die der Mensch sich von seinen naturhaften Bedingungen emanzipieren kann und zweitens der Fähigkeit des Menschen, seinem eigenen Machtwillen Grenzen zu setzen und einen nicht auf die eigenen Bedürfnisse bezogen Wert anzuerkennen. Der Mensch ist somit in der Lage, sich selbst in der Außenperspektive wahrzunehmen. „Die Katze weiß nicht, wie der Maus zumute ist, mit der sie spielt. Menschen können etwas, was sie tun möchten und was ihnen nützt, unterlassen, weil und nur weil es einem anderen Wesen schadet oder Schmerzen zufügt.“ 3 Wie ich schon oben versuchte auszuführen, liegt eine der wesensmäßigen Differenzen zwischen Menschen und Tieren in ihrem Sein zu sich und dem Sein zum Begegnenden. Das Leben der Tiere ist in sich zentriert. Ein Tier existiert nur in der Gegenwart und auch das „hamstern“ einiger Tierarten für Vorräte für den Winter, ist nur ein aktualisiert ablaufendes Programm. Den Tod anderer nimmt das Tier nur als Veränderung des eigenen Lebens wahr. Wenn Tiere fliehen oder sich einer Bedrohung stellen, erfolgt diese Reaktion unabhängig vom Wissen um das eigene Ende. Es wird ein Verhalten ausgelöst, dass geeignet ist, das Überleben zu fördern, ohne dass dieses Überleben bzw. der Tod des Tieres reflektiert wird. Tiere sind darauf aus, Zustände zu erhalten. Der Mensch dagegen weiß um seiner Sterblichkeit und der Sterblichkeit der anderen. Das Bild des trauernden Eichhörnchens enthält eine Absurdität. Wie kann ein Wesen sich von dem Nicht-Sein eines anderen berühren lassen, ohne je erfahren zu haben, was es heißt, zu sein. Das Tier antizipiert nicht mögliches Nicht-Sein und weiß deshalb nichts von Sein. Dadurch erleidet das Tier auch keinen Verlust, wenn es getötet wird, da mit dem Verschwinden des Lebewesens, auch der Trieb verschwindet und somit die Bedeutsamkeit der Umwelt des Lebewesens.

Notes:

  1. Robert Spaemann: Personen. Versuche über den Unterschied zwischen >etwas< und >jemand“Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ In dieser Betrachtung kam er zu dem Ergebnis, dass wir es nicht erkennen können, wie es sich anfühlt eine Fledermaus zu sein. 4Thomas Nagel: What is it like to be a bat? In: The Philosophical Review 83 (1974), S. 435-450. Deutsch: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? in: Analytische Philosophie des Geistes. Hrsg. von Peter Bieri, Königstein 1981, S. 261-275
  2. D.C. Dennett: Consciousness Explained. Boston 1992. Deutsch: Philosophie des menschlichen Bewusstseins, Hamburg 1994
  3. Robert Spaemann: Tierschutz und Menschenwürde. (1979) In: Robert Spaemann: Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns. Stuttgart: Klett-Cotta 2001, S. 467-475

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