Darf der Jäger töten?

Auf etwas aus sein

Nicht weniger kompliziert wird es, wenn der Begriff Interesse in diesem Zusammenhang näher betrachtet wird. Haben Tiere Interesse? Ist es überhaupt möglich, von Interessen zu sprechen, wo keine Wünsche zu unterstellen sind? Welchen Bedeutungsumfang können wir sinnvollerweise unterstellen, wenn wir die Begrifflichkeit Interesse bei Tieren feststellen wollen? Haben sie nicht vielmehr Bedürfnisse, die sie mittels ihrer genetisch begrenzten Verhaltensmuster zu befriedigen suchen? Können wir Tieren ein Gefühlsleben zuschreiben? Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus der Frage nach den Zusammenhängen von instinktivem Verhalten und mentalen Vorgängen. Wenn Tiere in ihrem Verhalten ausreichend und umfassend von Instinkten determiniert sind und die Instinkte eine ausreichende Erklärung für tierisches Verhalten liefern, welchen Sinn macht es dann, ihnen mentale Zustände zu zusprechen? Eine Zuschreibung mentaler Zustände macht doch nur Sinn, wenn diese in der Lage wären, die instinktive Bedürfnisregelung zu durchbrechen oder nicht mit Instinkten erklärbaren Verhalten zu beschreiben. Aristoteles unterscheidet die menschliche Vernunftseele einerseits und die tierische Wahrnehmungsseele andererseits. In dieser Tradition argumentiert auch Thomas von Aquin, wenn er dem Tier keine Verantwortung für sein Handeln einräumt. 1 Was keineswegs selbstverständlich war, schließlich gehört die Bestrafung von Tieren zur verbreiteten mittelalterlichen Rechtsordnung. Wenn ich ein Tier auf der Jagd töte, habe ich kein Leben beendet, dem eine Zukunftsplanung zu unterstellen ist, das Interessen entwickeln konnte während seiner Existenz, das in einer emotionalen Beziehung zu sich und anderen Tieren getreten ist. Wir müssen davon ausgehen, dass Tiere nicht in der Lage sind, ihre Existenz in eine zeitübergreifende Identität über ihre einzelnen Zustände herzustellen. Das Tier setzt alles in seiner Umwelt als Begegnendes herab. Der Mensch dagegen ist in der Lage, sein Selbst im Umgang mit anderen Wesen zu relativieren und Beziehungen aufzubauen. Die Existenz dieses Tieres ist vollkommen von seinen Instinkten determiniert. Diese fehlende Instinktoffenheit und die Unmöglichkeit sich aus den naturhaften Bedingungen auch nur ansatzweise zu emanzipieren, weisen aus, dass der Unterschied zwischen Tier und Mensch kein nur gradueller ist sondern ein wesensmäßiger. Somit verpflichtet mich nur der Tierschutz, der sich aus der Leidensfähigkeit des Tieres ableitet, dazu, dieses Töten so stress- und schmerzfrei wie möglich vorzunehmen. Dass Tiere Schmerzen empfinden können wiederum, ist keine rein behavioristische Ableitung, sondern ergibt sich aus der physischen Konstitution aller Lebewesen mit einem zentralen Nervensystem. Es ist leicht behauptet, dass Tieren Leidensfähigkeit und Interessen unterstellt werden können, und es ist ja auch eine anheimelnde und vertrauenserweckende Redensweise, von „meinem Freund dem Tier“ zu sprechen. Und es ist durchaus denkbar, dass ein Mensch einem Tier gegenüber freundschaftliche Empfindungen aufbringen kann. Aber ob dieser Mensch eine vergleichbare Empfindung zurückerwarten kann, wage ich zu bezweifeln. Zuschreibung von Zuständen, die über diese Leidensfähigkeit des Tieres hinausgehen, sind spekulativ und willkürlich und eignen sich m. E. nicht unsere moralischen Intuitionen über Bord zu werfen. Weitere Bedenklichkeiten ergeben sich aus der Zwangläufigkeit, dass eine Moraltheorie die den Umfang ihrer Adressaten erweitert, sich nur aus einer utilitaristischen Ethik widerspruchsfrei herleiten lässt. Singer selbst bezeichnet sich als Präferenz-Utilitarist und er möchte damit hervorheben, dass er in seiner Utilitarismus-Spielart nicht die Vermehrung von Glückszuständen oder die Verminderung von Leidzuständen im Zentrum der Überlegung sieht, sondern anstelle dieser Begrifflichkeiten die Interessenbefriedigung angesiedelt ist. Da in einigen utilitaristischen Positionen die Erfüllung von Präferenzen oder Interessen jeglichen Trägern, ohne graduelle Abstufung als moralisches Prinzip zugestanden wird, sind hiermit auch die Überlebensinteressen der Tiere zu berücksichtigen. Durch diese Umformulierung entgeht er aber nicht der generellen Kritik einer jeden utilitaristischen Theorie, die nur noch Träger von Lust- bzw. Interessen-Zuständen kennt, deren konkreter moralischer Status jederzeit dem Wohl der größeren Zahl geopfert werden kann. Dieses Moralkonzept spiegelt jedoch nicht unsere moralischen Intuitionen wieder, welche unantastbare Werte kennen und den Träger dieser Werte für nicht disponibel erachten.

Notes:

  1. Eine gute Ausarbeitung und einen geschichtlichen Abriss zur Mensch-Tier-Debatte in der Philosophie bietet Richard Sorabji: Animal Minds and Human Morals. The Origins of the Western Debate. Gerald Duckworth & Co. Ltd. London 1993

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