Darf der Jäger töten?

Der Mensch als Sonderfall der Schöpfung oder der Evolution?

Der Würdebegriff erscheint als ein selbstverständlicher, wohlbekannter Terminus, der in vielen Diskussionen Verwendung findet und meist mit einem vordergründigen Pathos auftritt. Dieser naive Umgang mit der vertrauten Begrifflichkeit ist jedoch oftmals nicht mehr als eine Worthülse, eine undifferenzierte und somit unpräzise Umschreibung einer zurechtfertigenden Sonderstellung in der Art einer kruden Beschwörungsformel. Die Begriffe >Würde<, >Menschenwürde< erscheint mir für die Diskussion, inwieweit der Mensch berechtigt ist nichtmenschliches Leben unter dem funktionalen Gesichtspunkt seiner Bedürfnisse zu gebrauchen, wenig hilfreich, da die Begründung dieser >Würde< mit Bedenklichkeiten verbunden ist. Durch die Begründung der Würde als Selbstzweck soll der Träger den instrumentalen Zusammenhängen entzogen werden. Die Menschenwürde kann abgeleitet werden aus beliebigen Eigenschaften des Menschen (Vernunft, Sprache, Selbstmächtigkeit usw.). Die Festlegung der Menschenwürde an bestimmte empirische Qualitäten nötigt jedoch Menschen, die diese Eigenschaften nicht besitzen, entweder diese Menschenwürde abzusprechen oder ihnen die Würde allein durch ihre Gattungszugehörigkeit zu sichern. „Menschenwürde bedeutet nicht zu allen Zeiten das gleiche; in der Geschichte des abendländischen Denkens wurden verschiedene Vorstellungen davon entwickelt – griechisch-römische, christlich-metaphysische, humanistisch-aufklärerische, vernunftphilosophisch-idealistische. Man kann sagen, es gibt fast ebenso viele Würdeinterpretationen wie es philosophische Lehren und Strömungen gibt, und der Vielgestaltigkeit der damit verbundenen Menschenbilder sind keine Grenzen gesetzt.“ 1 Die Begründung der Menschenwürde durch einen Transzendenzbezug auf Gott (Schöpfung, Gottebenbildlichkeit), als eine ontologische Auszeichnung, ist in einer säkularen Gesellschaft aber nicht mehr konsensfähig und eignet sich daher nicht als objektives Argument. „Seine theoretische Begründung findet der Gedanke der Menschenwürde und ihrer Unantastbarkeit allerdings nur in einer metaphysischen Ontologie, das heißt in einer Philosophie des Absoluten.“ 2 „… die Idee allgemeiner Menschenwürde entstammt ursprünglich der abendländischen Metaphysik, ist stoisch-christlicher Herkunft und ohne theologischen Deutungshorizont gar nicht verstehbar.“ 3 „Auch Atheisten können die Menschenwürde achten, sind aber außerstande, dies schlüssig zu begründen“ 4 Die Verwendung des Würdebegriffs ohne einen entsprechenden weltanschaulichen Hintergrund erscheint tatsächlich als ein willkürlicher Anthropozentrismus. Es ist also auch nicht verwunderlich, wenn utilitaristische Philosophen den Würdebegriff als leer ablehnen. Aber nicht nur die ideengeschichtlichen Quellen der >Würde< sind diskussionswürdig, auch die aus ihnen resultierenden normativen Kriterien und deren praktischen Schlussfolgerungen sind nicht eindeutig gegeben.

Tierschutz oder Tierrecht

Ethisch entscheidend ist doch die Beantwortung der Frage, ob, warum und in welchem Umfang wir gegenüber nichtmenschlichen Formen zu einem sittlichen Verhalten verpflichtet und überhaupt fähig sind. Die ethischen Fragestellungen in den Bereichen der Tierethik, Naturethik, Ökophilosophie usw. drehen sich somit um die Darstellung möglicher Abgrenzungskriterien des Menschen gegenüber der Umwelt. Ein möglicher Argumentationsweg zur Erweiterung der Adressaten moralischer Rechte, der sich an der Position des australischen Philosophen Peter Singers orientiert, stellt eine Spielart der so genannten Pathozentrik dar, d. h. die Leidensfähigkeit eines Lebewesens wird als Kriterium postuliert, unabhängig von dem Träger des ihm zugeschriebenen Zustandes. Gerade im deutschsprachigen Raum wurde in den letzten Jahren der Versuch unternommen, diese These einer Mitleidethik nach Schopenhauer anzupassen. 5 Grundsätzlich problematisch an dieser Einschätzung halte ich das Fehlen eines empirischen Kriteriums für das tierische Leiden bzw. für die Interpretation tierischen Verhaltens. Entgegen ihrer zwangsläufigen Annahme halte ich den Unterschied zwischen den Bewusstseinsinhalten von Tier und Mensch nicht nur für graduell sondern für wesensmäßig. Die Aussage, dass Tieren eine Leidensfähigkeit und Interessen zugesprochen werden könne, können wir nur erklären durch eine Vorannahme einer Theorie, nach der wir äußerliches tierisches Verhalten in Analogie betrachten zu innerlichem menschlichen Erleben. Aber inwieweit ist dies gerechtfertig und bildet unsere Umwelt korrekt ab? Beweise darüber sind nicht möglich, keiner wird das Innenleben eines Tieres kennen bzw. kennen lernen. Wir sind immer darauf angewiesen, bei der Beschreibung tierischen Verhalten die menschliche Sprache zu verwenden. Und dies verleitet uns, in diesem Erklärungsmuster auch menschliche Züge zu entdecken bzw. zu unterstellen. Aber nicht nur die Art der tierischen Leidensfähigkeit ist fraglich, auch der mögliche Umfang ist unzureichend bestimmt. In welcher Form erfahren Tiere Schmerzen? Leiden Tiere am Tod eines Artgenossen? Haben Tiere eine Vorstellung vom eigenen Tod? Leiden Tiere an der Vorstellung ihres eigenen Todes? Aber auch hier fehlt jegliches Kriterium, ab welchem Grad der unterstellten Leidensfähigkeit einer Entität eigenständige moralische Rechte zukommen. Wenn Peter Singer den klassischen Moraltheorien Speziesismus (die Diskriminierung tierischer Interessen) vorwirft, dann kann man hier wiederum einen Sentientismusvorwurf entgegnen oder, um es etwas polemisch zu formulieren, einen Sentimentalismusvorwurf konstatieren. (Nebenbei bemerkt gilt der Speziesismusvorwurf nicht für alle traditionellen Moraltheorien, auch wenn Singer dies unterstellt. Die Kantische Moral beispielsweise zeichnet als Kriterium der möglichen Adressaten von moralischen Rechten die Vernunft auf. Das impliziert jedoch nicht nur Menschen, sondern würde auch für andere vernunftbegabte Wesen gelten.)

Notes:

  1. Franz Josef Wetz: Die Würde des Menschen ist antastbar. Eine Provokation. Stuttgart: Klett-Cotta 1998. S. 14.
  2. Robert Spaemann: Über den Begriff der Menschenwürde. (1987) In: Robert Spaemann: Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns. Stuttgart: Klett-Cotta 2001, S. 107-122
  3. Franz Josef Wetz: Die Würde des Menschen ist antastbar. Eine Provokation. Stuttgart: Klett-Cotta 1998. S. 28.
  4. Franz Böckenförde / Robert Spaemann: Menschenrechte und Menschenwürde. Stuttgart: Klett-Cotta 1987. S. 315
  5. Ursula Wolf: Das Tier in der Moral. Frankfurt: Klostermann 1990

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