Darf der Jäger töten?

Von Volker Seifert

„Man kann sich ein Tier zornig, furchtsam,
traurig, freudig, erschrocken vorstellen.
Aber hoffend? Und warum nicht?
Der Hund glaubt, sein Herr sei an der Tür.
Aber kann er auch glauben,
sein Herr werde übermorgen kommen?“ 1

Eine scheinbar paradoxe Frage. Zumindest könnte eine der möglichen Antworten – die Verneinung – die Begrifflichkeit des Jägers, der sich durch sein Tun definiert, selbst in Frage stellen, wenigstens seine Rechtmäßigkeit. Und die Frage stellt auch keine unzulässige Verkürzung da, Jagen endet mit der Tötung von Wild, zumindest erfolgreiches Jagen.
Jeder Jäger hat diese Frage für sich beantwortet und handelt nach seiner Überzeugung, sonst würde er nicht jagen. Nur wie verhält es sich, wenn er nicht auf seine Motive (z.B. Freude an der Jagd, Naturschutz, Verwertung der Beute) angesprochen wird, sondern auf die Rechtfertigung seiner finalen Handlung. Oftmals lassen sich Überzeugungen nicht so einfach in Argumente übertragen und das vermeintlich Selbstverständliche gerät in einen Nebel. 2
Aufgabe der Ethik ist es, unsere normativen Überzeugungen, unsere moralischen Intuitionen systematisch zu überprüfen. „Ethische Klärung dient der Rationalisierung praktischer Stellungnahme. An die Stelle der bloßen Entscheidung und Meinungsäußerung treten begründete Handlungen und Überzeugungen.“ 3

Die Jagd steht in der Kritik. Und diese Kritik beschränkt sich nicht nur auf bestimmte Praktiken der Jagdausübung, sie geht über die Jagd hinaus – verstanden als das Töten von Tieren (wobei sich das Selbstverständnis des Jägers sich nicht auf das Töten reduzieren lässt) – und thematisiert grundsätzlich den Umgang des Menschen mit nichtmenschlichen Lebewesen. Die generelle Kritik der Jagd ist somit eingebettet in der Thematik der Naturethik und stellt nur einen Anwendungsfall dar. Wobei die >Gretchenfrage< lautet: Hat die Natur einen eigenen moralischen Wert, oder ist sie nur für den Menschen da? Erfolg die menschliche Wertzuschreibung nur aus instrumentellen z.B. ästhetischen, ökonomischen oder ökologischen Überlegungen, oder stelle die Natur einen Wert An-sich da und entzieht sich damit dem menschlichen Handeln? Inwieweit der einzelne Jagdgegneraktivist, der vor Jagdmessen demonstriert oder Gesellschaftsjagden zu stören versucht, seine Motive reflektiert und dem notwendigen Diskurs stellt, oder, ob diese Motive nur aus einer vagen emotionalen Verbindung zu den Tieren besteht, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Gesellschaftlich relevant (und nur dies kann zu rechtlichen Konsequenzen führen) ist die Auseinandersetzung mit den Theorien der Tierrechtsbewegung, aus dessen Quellen sich die Kritiker der Jagd ihr theoretisches Rüstzeug erhalten. Und diese Auseinandersetzung ist es wert, geführt zu werden. Wenn man sich mit den Überlegungen der Theoretiker der Tierrechtsszene beschäftigt und nicht vorrangig mit deren polemischen Aktivisten, erkennt man schnell, dass hier einige bedenkenswerte Schwierigkeiten angesprochen werden. Einen Schwerpunkt bilden dabei die Bestimmungen des Menschen und sein Verhältnis zur nichtmenschlichen Umwelt. „Der Umgang mit Tieren sagt zugleich etwas darüber aus, wie wir uns selber einschätzen, welche Rechte und Pflichten wir uns ihnen und der Natur gegenüber insgesamt zuschreiben oder wie wir uns von Tieren zu unterscheiden meinen. Tierethik ist daher zugleich ein untrennbarer Teil der allgemeinen Ethik als Nachdenken über unsere Lebensweise. Sie ist alles andere als eine bloß spezielle ökologische Ethik sentimentaler Tierliebhaber.“ 4
Im Laufe der fokussierten philosophischen Diskussion über die Fragen der Naturethik, die nunmehr seit über 30 Jahren unter den verschiedensten Gesichtspunkten geführt wird, hat sich u.a. herausgestellt, dass eine Schwierigkeit darin besteht, die vormals unbestrittene Sonderstellung des Menschen zu rechtfertigen. Ein denkbarer Ansatz ist die Würde des Menschen.

Notes:

  1. Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen. Werkausgabe Bd. 1. Frankfurt: Suhrkamp S. 489.
  2. Eine Erfahrung die bereits Augustinus machen konnte in seinen Betrachtungen über die Zeit. „Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemanden auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht. Und dennoch behaupte ich, dies mit Sicherheit zu wissen.“ Augustinus, Confessiones XI lat.-dt., in: Kurt Flasch, Was ist Zeit? Augustinus von Hippo, das XI. Buch der Confessiones, historisch-philosophische Studie, Text, Übersetzung, Kommentar, Frankfurt a. M. 1993, S. 251.
  3. Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Stuttgart: Kröner 1996. S. VIII
  4. Ekkehard Martens: Zwischen Gut und Böse. Elementare Fragen angewandter Philosophie. Stuttgart: Reclam 1997. S. 103

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